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Tour de France I

Im Sommer 2017 besuchte die Tour de France endlich mal wieder Deutschland. Passend zum 200. Geburtstag des Fahrrads. Ich brauche keinen Anlass um ein Radabenteuer zu unternehmen. Aber in diesem speziellen Fall plante ich meine eigene Tour de France.

Nachdem ich den regennassen Prolog in Düsseldorf hautnah verfolgt und mir auch den Start der ersten Etappe am folgenden Tag angesehen hatte, bereitete ich mich auf meine persönliche Tour vor.

Ausreichend erholt und topmotiviert startete ich aus dem heimischen Vordertaunus in Richtung Frankreich. Es sollte eine Tür-zu-Tür-Tour werden. Losfahren und am selben Ort wieder zurückkehren.

Es war Mitte Juli und bislang war es ein feuchtwarmer Sommer gewesen. Die Frankfurter Skyline präsentierte sich unter bewölktem Himmel und 18 Grad. Gute Bedingungen zum Radfahren.

Schnell lockerte sich das Grau und es wurde ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch: Schäfchenwolken, goldene Felder und saftige Wälder.

Ich hatte Großes vor. Eine Runde durch Frankreich war mir nicht genug. Ich wollte soviele namhafte Anstiege der Tour de France erklimmen, wie nur möglich. Höhenmeter. Höhenmeter. Höhenmeter.

Auf der Glessener Höhe überwindet man knappe 60 Höhenmeter. Zwar war ich ein paar mal im bergischen Land, aber bei weitem nicht oft genug, um von einer vernünftigen Vorbereitung sprechen zu können.

Ich passierte kleine Weingüter, die mit handgeschriebenen Tafeln für Weinproben warben. Die Versuchung war groß, aber erstens gab es in Frankreich auch Wein und zweitens hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch absolut nichts geleistet. Also weiter in Richtung deutsch-französischer Grenze, meinem angestrebten Tagesziel.

An einem Getränkemarkt gönnte ich mir eine sprudelnde Erfrischung. Eine Omi bot mir an mich neben sie zu setzten. Dann sagte sie: “Ich beiße nicht.” Und ich bekam etwas Angst. Wahrscheinlich verlieh mir das den nötigen Antrieb um die letzten Meter zur Grenze zurückzulegen.

Zwischen Waldrand, Bunkern, Wiesen und Geschütztürmen, schlug ich mein Lager auf. Geschichte hautnah. Ein schöner erster Tag. Einziger Nachteil dieser Reise: Ich konnte die Tour de France nicht live verfolgen.

Es ging durch das wunderschöne Elsass. Kein Wunder, dass dieser Landstrich Jahrhunderte lang für Streit zwischen Deutschland und Frankreich gesorgt hatte.

Ich hatte Lust auf Kakao. Also besorgte ich mir den mal eben und verstaute das kostbare Gut in meiner Packtasche. Es dauerte noch ein Weilchen, bis ich einen Platz fand, der meinen Ansprüchen gerecht wurde. Als ich dann meine Packtasche öffnete, um meinen Pausensnack auszupacken, griff ich in den Kakao. Genau. Die braune Brühe war ausgelaufen und schwappte in meiner wasserdichten Packtasche umher, in der sich unter anderem auch eine Ladebank befand. Nachdem ich die klebrige Sauerei halbwegs bereinigt hatte, war die Lust auf Kakao auch vergangen. Der Elektronik ist zum Glück nichts passiert.

Im weiteren Tagesverlauf bekam ich erbarmungslose Kopfschmerzen. Es war heiß. Ich fühlte mich nicht gut. Auch die brutal steilen Straßen im Elsass halfen mir nicht wirklich weiter. Dann fuhr ich auf guten, kleinen Wegen in ein großes Waldgebiet. Viele Picknickplätze luden zum anhalten ein, aber ich benötigte unbedingt etwas zu trinken, bevor ich anhalten konnte. Auf einer Abfahrt hörte ich dann plötzlich Wasserplätschern. Eine Quelle, eine Wiese, Tische und sogar eine Schutzhütte. All das mitten im Wald.

Das kühle Wasser war ein Segen und ich nutzte die Gelegenheit auch gleich um mich gründlich zu waschen. Anschließend machte ich es mir auf der Wiese bequem und lies die Ruhe der Natur auf mich wirken. In diesem Moment gab es, außer den Kopfschmerzen, nur die plätschernde Quelle, das Zwitschern der Vögel, den sanften Wind auf meiner Haut und das Surren und Summen der Insekten. Einfach herrlich.

Als ich am kommenden Morgen tiefenentspannt aus meinem Zelt kroch, sah ich am anderen Ende der weitläufigen Wiese ein weiteres Zelt. Ein Radfahrer mit Anhänger hatte dort sein Lager aufgeschlagen. Doch als ich abfuhr, war immer noch kein Lebenszeichen zu erkennen gewesen. Ich bin nun mal der frühe Vogel.

Die feuchte Waldluft sorgte für eine frische Abfahrt. Im nächsten Ort besuchte ich einen kleinen Laden in dem ich Milch und ein Pain au Chocolat kaufte. Damit verflog dann endlich auch die Schwere des Vortags, die mir in den Knochen hing. Ausreichend satt und ohne Kopfweh bezwang ich die ersten beiden Anstiege des Tages. Der erste war zum Aufwärmen. Der zweite brach mir direkt die Beine, so steil war es.

Es folgte eine perfekte Abfahrt: Guter Straßenbelag, Haarnadelkurven und trotzdem leicht genug zu fahren um die Aussicht zu genießen. Dort sah ich Munster, was mein nächstes Pausenziel sein sollte. Statt mich wieder durch die nun einsetzende Mittagshitze zu quälen, wählte ich die Siesta-Variante. Das bedeutete ein ausgiebiges Mittagessen, gefolgt von einem Nickerchen. Natürlich prusteten Laubgebläse und Rasenmäher dazwischen, aber nachdem ich eine Park gefunden hatte, fand ich auch meine verdiente Nachmittagsruhe.

Danach nochmal ein paar Kilometer. Einkaufen. Noch ein Anstieg. Feierabend.

Nun wartete der erste ernstzunehmende Berg auf mich. Von 450m auf 1300m. Damit das auch hinhauen würde, schob ich mir am Fuß des Anstiegs noch flott ein Vanille-Hörnchen und einen Pott Kaffee rein. Penetranter Nieselregen begleitete mich auf jedem Meter. Als später wieder die Sonne vom Himmel ballerte, war ich aber froh über die radfahrfreundlichen Temperaturen während der Kletterpartie.
Pause in Cernay. Ich holte mein Handy aus dem Flugmodus, was sich als kapitaler Fehler herausstellte. Einmal mehr der Beweis, dass ständige Erreichbarkeit nur Nachteile mit sich bringen. Mich erreichte die Nachricht, dass mein Kölner Keller unter Wasser stand. Dort befand sich gerade mein Hab und Gut, da ich nach längerer Abwesenheit gerade erst wieder dort eingezogen war. C’est la vie, sagen die Franzosen. Handy wieder aus.

Es ging wieder hinauf. Erst war der Belag schlecht, dann das Wetter. Nach ein paar Donnerschlägen entleerten sich die schwarzen Wolken schlagartig. Innerhalb weniger Sekunden flossen mit Sturzbäche an Wasser entgegen. Ich musste an den überfluteten Keller denken.
Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich einen kleinen Unterstand, der etwas Schutz vor den Wassermassen bot. Als ich weiterfuhr regnete es zwar noch, aber die Wolken hatten bereits wieder Wolkenfarbe angenommen und es war hell.
Durch dicke Nebelsuppe ging es die letzten Kilometer auf den Grand Ballon und schnell wieder weiter. Denn für heute hatte ich erstmal genug. Der gute alte Waldweg brachte mich wieder zu einem geeigneten Campspot und ich breitete mein Lager aus. Dann entdeckte ich die Zecke.
Das Viech hing offensichtlich schon länger an mir dran, denn es war bereits blutrot (mein Blut!) und von beachtlicher Größe. Der Versuch das ungebetene Anhängsel fachgerecht zu entfernen, scheiterte und ich metzgerte in der verbleibenden Wunde herum, um auch das letzte Bisschen Kauwerkzeug zu entfernen. Mit dem unguten Gefühl, dass mir am nächsten Morgen der Arm fehlen könnte, ging ich schlafen. Nicht so ein guter Tag. Oder, um den Tagesumständen gerecht zu werden: Wenn es regnet, dann schüttet es!

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Wider Erwarten war mein Zecken-Arm nicht abgefallen und auch nicht entzündet. Ich packte ein, fuhr bergab und kehrte in die gut beheizte Boulangerie am Fuße der Abfahrt ein. Un Expresso et un croissant aux myrtilles s’il vous plait. Dann wartete der nächste Belchen darauf erklommen zu werden. Es war eine ruhige, beinahe meditative Fahrt durch den morgendlichen Wald. Ich konnte mich ganz auf mich konzentrieren und über alles und nichts nachdenken. Es war der klassische Flow.
Danach wartete der erste Kracher meiner privaten großen Schleife auf mich: La Planche des Belles Filles. 5,6 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 8% klingen machbar. Dieser unrhythmische Berg, der an einer Skistation endet, wartet mit Abschnitten in den hohen zweistelligen Prozentwerten. Auf den finalen 200m darf man sich eine saftige 20% Rampe hochwuchten. Aua.
Die neue Straße war bemalt mit den Namen der Profis, die nur wenige Tage zuvor hier hoch gefahren waren. Dies verdeutlichte nochmal wie steil es war. Man blickte auf eine bemalte Wand mit Straßenmarkierungen. Je größer die Quälerei, desto belohnender das Gefühl wenn man oben ankommt. Auf dem letzten Stück wurde ich von einem Knirps auf seinem Miniatur-Rennrad überholt. Chapeau! Früh übt sich.

Nachdem ich wieder halbwegs klar war und sich mein Atem etwas beruhigt hatte, konnte ich auch die Aussicht genießen. Gut, dass ich von gestern noch einen Eiskaffee im Gepäck hatte. Wenn er auch nicht mehr so eisig war.
Auf demselben Weg ging es wieder runter. Natürlich war es genauso steil und ich unternahm einen Ausflug in das schmale Kiesbett. Upps!
In einem heruntergekommenen Ort mit grau-braun, bröckelnden Hausfasaden, war der Atem der Tour noch allgegenwärtig. Fahrräder in allen Farben und Formen, Radtrikots und gemalte Plakate (Allez, Allez!) ließen den sonst trostlosen Ort fröhlich und lebendig erscheinen. In diesem Tour-Ambiente fühlte ich mich auch gleich wie ein Rennfahrer. Im selben Moment war ich aber mehr als froh nicht zum Tour-Tross zu gehören. Denn so konnte ich es mir auf einer schönen Parkbank gemütlich machen und genüsslich mein reich belegtes Baguette verdrücken. Leben wie ein Radfahrer in Frankreich!
Einmal mehr wurde es ein schwül-heißer Tag, wie es in diesem Sommer üblich war. In einem angenehm kühlen Supermarkt kam dann der Appetit zurück und ich schlug richtig in die Vollen. Nach ausgiebiger Pause sah es schon wieder nach Regen aus. Bis zur nächsten Bergprüfung waren es noch knappe 200 Kilometer, aber das hügelige Gelände der Vogesen hielt die Klettermuskeln auf Trab.
Dunkle Wolken und Donnergrollen kündigten ein Unwetter an. Seelenruhig und unbeeindruckt vom ungemütlichen Wetter, schnitt ein Bauer seine Hecke. Die einzige Menschenseele an diesem Nachmittag. Kurze Zeit später fand ich einen Waldweg an dem ich mein Lager aufschlagen konnte. Dann brach das Unwetter los. Unter dem Geräusch der heftig prasselnden Regentropfen verspeiste ich mein Abendbrot. Oder nennt man es hier Abendbaguette? Nach einer guten Stunde hellte es nochmal auf, aber so oder so: Mein Tag war zuende.

Nach dem Elsass und den Vogesen bewegte ich mich nun in der Region des Jura zwischen Schweiz und Frankreich. Es wurde ein relativ kurzer Tag, da ich mich nach einer längeren Pause sehnte. Und nach einer Dusche. Ich packte ein ordentliches Stück Comté ein und suchte dann einen Campingplatz auf.
Neben dem auf Zeltplätzen üblichen Geknalle der Autotüren und spät anreisenden Nachbarn, die in der Dunkelheit herumlärmen, konnte ich mich duschen, rasiere, meine Elektronik aufladen und, das Allerbeste, das abschließende Zeitfahren der Tour de France sehen.

In der Nacht kam wieder ordentlich Nasses vom Himmel. Der Morgen war unangenehm kühl und das sollte sich im Laufe des Tages auch nicht großartig ändern. Dafür wurde ich mit klischeehafter Schweizer Landidylle belohnt. Es war wie in einer Modelleisenbahnwelt: Die Kuhglocken läuteten unentwegt und ich fuhr an Bergseen und wilden Blumenwiesen vorbei. Dazwischen boten kleine Bauernhöfe Käse und andere Milcherzeugnisse aus eigener Herstellung an. Die heile Welt, dort musste sie sein.

Ganz sanft und stetig ging es nach oben. So sanft, dass ich staunte, als ich das Gipfelschild des Col da la Faucille passierte. Ich genoss die Mittagssonne und suchte mir später einen etwas abschüssigen Waldweg für mein Zelt aus. Was an Komfort fehlte, machte der Ausblick auf Genf wieder wett.

Und täglich grüßt das nasse Zelt. Immerhin hatte es nachts nicht so arg geregnet, dass mein Zelt weggeschwemmt wurde. Die “Ebene” auf der ich mein Lager auf dem abschüssigen Weg errichtet hatte, war im Praxistest dann doch etwas steiler und unbequemer zum Schlafen als es bei Tage betrachtet den Anschein gemacht hatte.

Halb fahrend, halb gehend, aber zum Großteil stolpernd und über den feuchten Untergrund schlitternd, bahnte ich mir den Weg nach unten und zurück zur Straße. Auf der langen, langen, wirklich langen Abfahrt kam ich an keinem geöffneten Lädchen vorbei. Vielleicht war ich auch einfach zu schnell. Das Frühstück musste also warten. Nachdem ich mir nie ganz sicher sein konnte, ob ich noch in Frankreich oder doch schon wieder in der Schweiz war, kam die die Gewissheit beim Baguettekauf: Vier Euro. Ich musste in der Schweiz sein. Mit der kostbaren Backware fuhr ich noch ein Stück weiter nach Genf hinein und erachtete den berühmten Genfer See als angemessenen Ort um mein Frühstück einzunehmen. Auch der Regen legte eine Pause ein. Es war ein grauer Sommertag, der problemlos in den Herbst gepasst hätte. Dadurch ergab sich eine stille und friedliche Atmosphäre. Ich konnte die tiefe und die Wassermassen des ruhigen Gewässers förmlich spüren. Doch allzu schnell wurde ich vom tosenden Berufsverkehr aus meinen Gedanken gerissen und setzte meine Reise fort.

Als die allgegenwärtigen dunklen Wolken das nächste Mal ihren Regen Richtung Erde schickten, hörte es bis zum Nachmittag auch nicht mehr auf.

So schnell ich nach Genf und in die Schweiz hineingefahren bin, so schnell war ich auch wieder in Frankreich und in den Bergen. Die Alpen. Jetzt ging es ans Eingemachte. Und zwar so richtig. Bäm, bäm, bäm, bäm, bäm! Bis hierher war alles Spielerei. Anstiege, keine Berge. War ich fit? Hatten die beiden ruhigeren Tage ausgereicht um die kommenden, Höhenmeter-gesättigten Tage durchzustehen? Ich würde es herausfinden…

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Ach du dickes Ei! Es regnete seit Stunden und ich war auf der Routes des Grandes Alpes unterwegs. Die Straßenschilder trugen Namen, die Herzen von Skibegeisterte nund Radsportenthusiasten höher schlagen lassen. Für mich war es Morzine-Avoriaz. Gänsehaut wäre untertrieben. Was man während der Fernsehübertragungen der Tour de France nicht sieht, ist der Verkehr der auf dieser Route herrscht, wenn die Straße nicht für ein Radrennen gesperrt ist. Sei es drum. Noch beschleunigten Glücksgefühle und Adrenalin meinen Kreislauf.

Dann bog ich in Richtung des Col du Corbier ab. Mein erster Alpengipfel auf dieser Route. Der Regen wurde stärker und mit jedem Höhenmeter schien die Temperatur um ein paar Grad abzusinken. Auf die anfängliche Euphorie folgte erstmal Gleichgültigkeit und mit steigender Anstrengung ein Gefühl, dass ich als sture Quälerei beschreiben würde. Glücklicherweise fühlte ich mich körperlich gut, ansonsten wäre es eine überaus grausame Angelegenheit geworden. Wenn ich das jetzt im Nachhinhein so aufschreibe komme ich mir wie ein Jammerlappen vor. Aber es ist der Klang der aus meinen Tagebucheinträgen hervorgeht. Wenn ich mir das Gipfelfoto betrachte und mich an mein durchgesogenes Baguette erinnere, muss es wohl so gewesen sein.

Getrieben durch den Willen nicht schon am ersten Alpengipfel kehrt zu machen, kam ich nach den brutalen letzten 3km mit 9 Prozent oben an. Außer Regen und Nebel erwartete mich eine trostlose Schutzhütte neben dem Gipfelschild. Foto, Baguette, Gummibärchen, Tschüss.

Gerne hätte ich gesagt, dass es ein gutes Aufwärmprogramm für den anstehenden 14km-Knaller hoch nach Avoriaz gewesen war, doch mir einfach nur kalt und ich war froh, dass ich noch ausreichend Griffkraft aufbringen konnte, um die Nassen Haarnadelkurven zu durchfahren. Regentropfen wie eiskalte Nadelstiche. Freude am Fahren. Nicht.

Das nächste Steigungsprofil zeigte 14 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 8 Prozent. Nicht schlecht. Als ich losfuhr, glaubte ich irgendwie nicht dran. Tatsächlich legte das ungemütliche Wetter eine Pause ein und endlich konnte ich die Aussicht und endlich auch das Fahren genießen. Ein Wechselbad der Gefühle. Habe ich schon die Aussicht erwähnt?!

Nach jeder Kehre wurde es besser und ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus. So konnte ich ewig weiterfahren. Ich passierte den Col du la Joux Verte (1760m) und erreichte die surreale Stadt in den Wolken, wie ich Avoriaz (1800m) seit jeher nenne. Schroffes Bergpanorama trifft auf schrägbedachte Holzhäuser.

Tatsächlich lies sich immer mal wieder die Sonne blicken, als ich mich auf den letzten Metern zu der Skistation befand. Dann war es einfach nur still. Kein Leben weit und breit. Ich schoss mein Foto und fragte mich, wie der Tag jetzt zu Ende gehen sollte. Es war später Nachmittag und auf jeden Fall musste ich in die gleiche zurück aus der ich gekommen war.

Und dann kam Guillaume. Scheinbar aus dem Nichts prasselte ein Schwall Französisch auf mich ein. Je ne parle pas francais(dieser Satz sitzt sogar noch besser, als une baguette s’ils vous plait). Und dann wurde ich mit für französische Verhältnisse passablem Englisch überrascht.

Der Fremde lobte mein Rad und war an den Packtaschen interessiert. Natürlich hatte er ein Faible für Fahrräder. Und prompt folgte die Frage ob ich schon einen Platz zum Schlafen hätte. Ich verneinte und erhielt die Einladung in seinem Appartment zu übernachten. Oui, merci, bien sur! Merci beaucoup!!!

Er müsse nur noch ein paar Erledigungen machen. Also packten wir mein Zeug in das kleine Zimmer in den eigenartigen Holzhochhäusern und liefen zum klapprigen, roten Renault. Ich nahm ein paar Snacks auf die Hand und hätte mir erstmal eine Dusche gewünscht, aber natürlich war ich mehr als erleichtert einen trockenen, Schlafplatz zu haben.

Während wir durch die Berge kurvten lernte ich meinen Gastgeber und die Umgebung besser kennen. Guillaume, der seit wenigen Monaten in Avoriaz als Elektrotechniker arbeitete und lebte, war begeisterter Wanderer und wollte demnächst auch mal eine Radreise unternehmen. Daher sein Interesse. Immer wieder zeigte er auf einen Punkt in der Ferne und erklärte mir, dass dort der Mont Blanc sei. Heute sah man Wolken, die sich während unserer Fahrt immer wieder abregneten.

Irgendwann waren wir am Ziel und ich hatte in der Zwischenzeit einen Mordshunger entwickelt. Im Supermarkt kauften wir ein Baguette und eine Tafel Schokolade. Eine Wohltat. Guillaume kaufte eine Wanderkarte für seinen nächsten Ausflug. Mit einsetzender Dunkelheit fuhren wir die nassen, dunklen und immer noch kurvigen Straßen zurück. Natürlich hatte ich wieder einen beachtlichen Appetit aufgebaut und Guillaume schwang sich an die Kochplatten während ich meine wohlverdiente Dusche nahm.

Als ich mich nach dem Abendessen hinlegte dachte ich noch: Was für ein Tag!

Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ich räumte meine Sachen auf und hatte überhaupt keine Lust zum Radfahren. So gar nicht.

Guillaume bot mir an eine weitere Nacht zu bleiben und bevor er seine Einladung ganz ausgesprochen hatte, bedankte ich mich überschwänglich. Entsprechend feierlich starteten wir den Tag und gingen in einem Café frühstücken. Danach musste mein Gastgeber für ein paar Stunden arbeiten und ich nutzte die Zeit um meine Klamotten zu waschen und den Inhalt meiner Packtaschen zu ordnen.

Das triste Wetter kreierte einen unvergesslichen Anblick auf die Bergstation. Mystisch waberten Wolken und Nebel um die markanten Appartmentgebäude. Ein Panorama, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Am Nachmittag unternahmen wir eine kurze Wanderung in der Hoffnung einen Blick auf den Mont Blanc zu erhaschen. Doch wie zu erwarten hingen die dunklen Wolken dicht und tief in den Bergen und verhinderten den Fernblick. Auf dem Rückweg zog der nächste kalte Schauer auf und ich sehnte mich nach dem gemütlich warmen Appartment. Das war genug Frischluft und Bewegung für heute.

Mit Tee und Waffeln wärmten wir uns wieder auf. Ein Freund und Arbeitskollege von Guillaume schaute vorbei und ich konnte meine Französischkenntnisse testen.

Bereits am Abend verspürte ich schon wieder die Lust aufs Fahrradfahren. Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie gut so ein Tag Erholung tun kann.

Als ich am nächsten Tag erwachte galt mein erster Blick natürlich dem Wetter. Es war ähnlich bescheiden, wie am Vortag. Aber ich wollte los. Der noch äußerst schläfrige Guillaume schaute mir zu, wie ich eine Riesenladung Müsli in mich reinschaufelte. Danach musste ich mich nur noch auf das zur Abfahrt bereite Rad setzen und war wieder auf dem Weg. Abfahrt war in diesem Sinne wörtlich zu nehmen, denn es zurück nach unten.

Während der kalt-nassen Abfahrt wurde es heller und die Wolken lichteten sich ein wenig. Dann begann der Anstieg zum Joux Plane und schnell spürte ich, dass das Müsli noch nicht verdaut war. So musste ich mich auf den ersten fünf Kilometern ganz schön quälen. Gut, dass danach noch neun Kilometer übrig waren, die ich voll und ganz genießen konnte. Und überhaupt wurde es hinten raus so richtig gut. Ich war allein auf der Straße. Wald und Wiesen wechselten sich ab und auf den letzten Kilometern sah ich ihn dann endlich – den Mont Blanc!

Die Belohnung den ersten langen Tagesanstieg gemeistert zu haben wurde zusätzlich mit einem unvergesslichen Panorama belohnt. So konnte jeder Tag starten.

Auf den engen Haarnadelkurven nach Cluses kamen mir die ersten Rennradfahrer entgegen, die sich von der anderen Seite nach oben mühten.

Es ging jetzt Schlag auf Schlag. Der Col de la Colombiere wartete bereits. Ein Junge warf mir ein schelmisches allez, allez entgegen, als ich die kleine Kapelle im Blick hatte, welche den Start des Anstiegs markiert. 1140 Höhenmeter standen zwischen mir und dem Gipfel. 18 Kilometer Radsportgeschichte zum nachfühlen oder genießen.

Das tückische an diesem Berg sind die fiesen Schlusssteigungen. Zu Beginn gewinnt man kaum merklich an Höhe und fährt durch den schattigen Wald. Auf den letzten Kilometern gilt es dann mit Blick auf den Gebirgspass Steigungen von 10 Prozent zu überwinden.

Gipfelfoto. Snickers. Jacke. Abfahrt.

Die Aravis Bergkette, scharfkantig und markant wie der Name, war der nächste Augenschmaus an diesem Tag. Dieser Tag war Reizüberflutung im bestmöglichen Sinn. Wenn ich das jetzt so schreibe, weiß ich garnicht, wie ich es mich überhaupt noch hier hält und warum ich mich nicht auf dem Weg in die Berge befinde.

Am Fuße des Colombiere, also auf der anderen Seite, herrschte buntes Markttreiben. Sommerstimmung wie sie im Buche steht. Mit einem Reblochon Baguette, dem Käse der Region, ließ sich die Szene gleich noch besser beobachten.

Nach den beiden Höhepunkten musste ich erstmal wieder runterkommen. Die Temperaturen stiegen und mein Metabolismus lief auf Hochtouren. In Flume, einem verschlafenen Örtchen, entdeckte ich ein kleines Geschäft. Die freundliche Oma hinter der Theke belegte mir liebevoll das zweite Baguette des Tages. Im Schatten einer plätschernden Quelle mitten im Dorf hielt ich meine Siesta.

Ein bisschen Gas war noch im Tank. Als nahm ich langsam aber stetig sammelte ich auf dem dritten Anstieg des Tages weitere Höhenmeter. Es war einer die Tage an denen man sich wünscht, dass sie nie enden sollen. Irgendwann übermannten mich die vielen Eindrücke und Müdigkeit und Hunger übernahmen das Ruder.

Und wie sollte es an diesem Tag auch anders sein, boten sich in dem ausgedehnten Waldstück zahlreiche Lagerplätze an. Inmitten von unzähligen Heidelbeersträuchern parkte ich mein Rad, hockte mich hin und begann erst dann mein Zelt aufzubauen als ich blaue Finger hatte und keine Beere mehr in direkter Reichweite war.

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Nachdem ich am Morgen nochmals von den frischen Heidelbeeren genascht hatte, ging es die verbleibenden Kilometer hoch auf den den Col de Saisies. Nach der entspannenden Abfahrt entglitten mir plötzlich alle Gesichtszüge: 20 Kilometer zum Cormet du Roselend. Sacre bleu!

Die Höhenmeter des Vortags steckten mir in Kopf und Beinen. Entsprechend mühsam empfand ich die Steigungen von acht und neun Prozent auf dem eher mittelmäßigen Straßenbelag. Immerhin ging es durch den Wald und ich war vollkommen ungestört. Bis auf einen ambitionierten Sommerlangläufer auf Inlineskates, der mir mit seinem gehörigen Tempo das Leben schwer machte (Ich konnte doch nicht von einem Skater überholt werden!).

Nachdem es für gefühlte Ewigkeiten durch den Wald ging, wurde es auf einmal flach und ich dachte schon ich hätte den Gipfel erreicht. Doch da war erst Halbzeit. Ein wundervoller Bergsee lag seelenruhig in der Morgensonne. Nach einer halben Runde um den See stieg die Straße wieder an und schlängelte sich nun durch das Felsmassiv.
Vom See waren es nochmals sechs Kilometer, die sich trotz der unveränderten Steigungsprozente, leichter anfühlten. Das mag an der Kulisse gelegen haben, oder an der überteuerten Limonade, die ich entlang des Sees an einem Touristenkiosk von einer unfreundlichen Frau gekauft hatte.
Den Cormet du Roselend werde ich als einen der schwierigsten Berge in Erinnerung behalten. Landschaftlich war er jede Mühe wert.

Der Gipfel lag knapp unterhalb der 2000 Meter Marke und mit den Anfangskilometern auf den Col de Samiens hatte ich schon jetzt 1500 Höhenmeter überwunden. Auf der Abfahrt machte sich die Müdigkeit durch eine beinahe fatale Unaufmerksamkeit bemerkbar: Ich bremste zu spät, wurde weit, viel weiter, aus der Kurve getragen als erwartet und wäre um ein Haar in den Abgrund gestürzt. Adrenalin 1000. Ich weiß nicht wie, aber durch eine turnerische Meisterleistung behielt ich gerade noch so die Balance und hielt das Rad auf der Straße. Puh!

Im Tal sah ich das Schild für den Col d´Iseran. Darunter die kleine Tafel mit der Aufschrift: Fermé – Geschlossen. Mist. Zwar hatte ich vorher noch einen anderen Berg auf meiner Liste, aber wenn der Iseran heute geschlossen ist, würde er dann morgen geöffnet sein?
In einer Boulangerie erkundigte ich mich und erfuhr, dass die Straße aufgrund eines Erdrutsches (Regen!) bereits seit einer Woche gesperrt war. Mhm. Erstmal hoch auf den St. Bernard, der mich nach Italien führte. 30 Kilometer. !!!. Ich hielt extra nochmal am Schild an, weil ich es nicht glauben konnte: 30! Man gönnt sich ja sonst nichts.

Mit einer durchschnittlichen Steigung von fünf Prozent das gleich Programm wie der Roselend. Doch der kleine Bernand, oder wie ich am wohlklingensten finde auf italienisch: Piccolo San Bernardo (wem geht da nicht schon beim hören das Herz auf?!), hat ebenso viele Höhenmeter (1200m). Es gab kein langes Flachstück an einem Bergsee entlang, dafür war es aber auch sonst nicht so steil und ich konnte die Aussicht voll und ganz genießen. Einzig auf den letzten Kilometern, als die schiere Länge des Berges zu spüren war, mühte ich mich ein wenig.

Mein Italienisch ist noch schlechter als mein Französisch. Ich konnte mich gerade wieder an einige Floskeln und Vokabeln erinnern, die mein Gehirn irgendwann in der Schulzeit gespeichert hatte. Auch wenn ich aufgrund der unsicheren Lage auf dem höchsten Pass der Alpen mehrmals drüber nachdachte noch einen Schlenker durch Italien zu machen, hielt ich am Prinzip Hoffnung und an dem ursprünglichen Plan, meiner persönlichen Tour de France, fest und kehrte an der Grenze wieder um.

Auf dem Weg nach oben hatte ich mir schon ein nettes Plätzchen für mein Lager ausgeguckt. Doch da hatte ich die fette Schranke mit dem Schild “Propiété Privé” nicht gesehen. Und die Schranke mit welcher die Einfahrt zu dem Ferienhaus abgegrenzt war. Egal, dachte ich mir. Es war später Nachmittag, kein Auto weit und breit und bewohnt sah das Haus auch nicht aus.

Also machte ich es mir auf der weitläufigen Sommerwiese gemütlich und breitete mich nach Lust und Belieben aus. Erstmal raus aus den Klamotten. Das beinhaltete auch mein tägliches Ritual der Reinigung. Seitdem ich einmal mit schlimmsten Sattelwunden durch Australien gefahren war (Tränen in den Augen), hatte ich es auf die harte Tour gelernt meinen Sitzbereich stets pflegsam zu umsorgen. Feuchte Tücher und Babypuder sind seit jeher immer im Gepäck und kommen jeden Abend rituell zum Einsatz.

Da stand ich nun auf der schönen Wiese hinter dem Ferienhaus und wischte mir nackend am Gesäß herum. Dann hörte ich, wahrscheinlich noch rechtzeitig, knirschenden Kies unter Autoreifen und das ersterbende Motorengeräusch eines Autos. Ich griff mir mein schmal bemessenes Reisehandtuch und versuchte zu bedecken, was es zu bedecken galt. Als ich mich umdrehte zeterte eine Frau mit in die Hüften gestemmten Händen herum.

Hochroten Kopfes entschuldigte ich mich so gut es ging und fragte bittend, ob ich denn nicht eine Nacht mein Zelt aufstellen könnte. Doch die Antwort wusste ich schon vorher.

Ich zog mich wieder an, packte zusammen und rollte betröppelt den Berg nach unten. Hoffend, dass ich möglichst bald ein zweites, sicheres Lager finden würde.

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BERGFEST

Der verunglückte Campingversuch endete nur wenige Kehren weiter auf einem abgeschiedenen Feldweg. Ein älteres Wanderpärchen wollte mir einen noch besseren Platz zeigen, aber da war mein Lager bereits hergerichtet. Während ich ein Käse-Fisch-Baguette zusammenstellte, fragte ich mich, ob das nun Stilbruch war. Doch was kümmern mich auf Reisen schon kulinarische Gepflogenheiten… Es war lecker und veredelte mir die Aussicht auf das Tal der Isere und den mächtigen Iseran, den ich hoffte am nächsten Tag erradeln zu dürfen.

Ich erwachte mit einer positiven Grundstimmung und wurde am Ende der morgendlichen Abfahrt bestätigt: Der Pass über den Iseran war geöffnet! Jawollja!

Je nachdem ob man Bourg St. Maurice oder Seez als Ausgangspunkt nimmt, misst der Anstieg zwischen 44 und 48 Kilometer Länge. Am Vortag hatte ich mich mit jeweils 20 und 30 Kilometern bereits herangetastet. 1900 Höhenmeter galt es zu überwinden. Dann mal los.

Sehr schnell wich die Vorfreude diesen Brocken zu überwinden der Anstrengung und dem Stress auf der stark befahrenen Straße unterwegs zu sein. Es war ein mühsames Vorankommen und ich benötigte lange um so etwas wie einen Rhythmus zu finden. Auf fast 50 Kilometern würde ja genügend Zeit sein. Wie ein Mantra sagte ich mir im Geiste: “Langsam, aber stetig…” Bis ich irgendwann gar nichts mehr dachte, oder durch die Eindrücke der Natur abgelenkt wurde. Wasserfälle brausten die Bergklippen herab und gewaltig präsentierte sich die Staumauer vor dem beschaulichen Winterort Tignes.

Tignes 1800 warben die Schilder am Straßenrand. Und ich dachte an Staubsauger. Dann feierte ich den ersten kleinen Erfolg, als ich realisierte, dass es nun noch weniger als 1000 Höhenmeter bis zum Gipfel waren.

Auf die Freude folgte Ernüchterung, als es im Anschluss durch diverse Tunnel ging. Oh, wie sehr ich Tunnel verabscheue. Dunkel, feucht, laut. Dazu meist dreckig und mit exorbitant hohen Randsteinen versehen. Definitiv kein Ort für Radfahrer.

Wenig später erreichte ich Val d’Isere, dass ich selbstverständlich als Anlass für eine Pause nahm. Mit noch immer 900 zu kletternden Höhenmetern, verteilt auf 15 Kilometer, hatte ich noch ein gutes Stück Arbeit vor mir.
Das schrie nach Espresso. Doppelt. Viel Zucker. Frisches Brioche ergänzte meinen Vormittagssnack. Geil!

Mit etwas volleren Energiespeichern ging es weiter. Das beste: Hinter Val d’Isere fuhren keine Autos mehr! Dafür umso mehr Radfahrer. Herrlich! Auch landschaftlich ging es nochmals kräftig nach vorne. Und so schnell wurde aus Quälerei Genuss.

Erstmals schienen die umliegenden Bergriesen zum Greifen nahe. Es herrschte eine Ruhe, wie man sie nur in den Bergen findet. Und so schlängelte ich mich immer weiter nach oben. Auf den anstrengenden letzten Kehren pfiff ein frischer Wind. Ein Fotograf machte es sich zum Geschäft die Radfahrer in der letzten Kehre abzulichten und verteilte dazu seine Visitenkarten.

Auf dem Gipfel herrschte reges Treiben. Natürlich hauptsächlich Fahrradfahrer, die ihren Triumpf feierten. Entsprechend lange dauerte es, bis ich an der Reihe war um mein Gipfelfoto schießen zu lassen. Anschließend ergatterte ich einen windgeschützten Platz in der Sonne und bereitete meinen Bergsnack zu: Baguette, Saucissons de Sanglier, Tomme. Regional. Phänomenal.

Während ich genüsslich in mein reichhaltiges Baguette biss, kruschpelten die anderen Radfahrer die Energieriegel aus den Verpackungen.

Mein Banknachbar, ein Schweizer, verwickelte mich in ein Gespräch und war natürlich interessiert an meinem Vorhaben. Schließlich war es da einzige mit Packtaschen bestückte Fahrrad auf dem Berg. Mit einem Zwinkern bezeichnete er mein Vorhaben als “Provokation” den anderen Radlern gegenüber. Es war ein Lob, aber gleichzeitig stimmte es mich etwas wehmütig nicht auch mal auf einem leichten Rad die Anstiege zu erklimmen.

Nachdem wir uns über unsere Routen ausgetauscht hatten und mein Baguette verputzt war, machte ich mich auf die Abfahrt. Das Schöne an einer langen Auffahrt: Die anschließende lange Abfahrt! Und mal wieder blieben landschaftlich keine Wünsche offen…

Als das Gefälle sich weiter unten etwas mäßigte, spürte ich plötzlich die Erschöpfung. Der Hintern schmerzte und auch sonst war merklich die Luft raus.

Nach einem kleinen Gegenanstieg auf den kleinen Col de la Madeleine, der nicht mit dem fast 2000 Meter hohen und wesentlich berühmteren Namensvetter zu verwechseln ist. Von dort war es nicht mehr weit bis ich die nächsten Siedlungen erreichte.

Ein kleines Schild machte auf einen Campingplatz aufmerksam und beschloss ich kurzerhand den Tag dort zu beenden. Ohnehin war es mal wieder Zeit für eine Dusche. Der höchste Berg und auch mehr als die Hälfte der Berge, die ich mir vorgenommen hatte, lagen hinter mir. Bergfest. Das schrie nach Bier. Geduscht, rasiert und glücklich über das Erreichte lies ich den Abend auf dem angenehm ruhigen Zeltplatz ausklingen.

Der nächste Morgen war kalt und klar. Die gegenüberliegende Bergspitze glühte und ich trank meinen Kaffee aus dem ausgekratzten Nuss-Nougat-Becher. Ulle lässt grüßen.

Trotz der erholsamen Pause, zog mein Hintern in den ersten Stunden des Tages noch immer die volle Aufmerksamkeit auf sich. Der Aufstieg zum Mollard begann und ich hatte keinen Anhaltspunkt wie lange dieser Anstieg sein würde. Auf dem Campingplatz hatte ich eine Fahrradkarte mit diversen Routenvorschlägen gefunden und meine ursprünglich geplante Tour entsprechend abgewandelt.

Nach Ewigkeiten erschien ein Schild, das mir noch 6 Kilometer bis zum Gipfel anzeigte. Noch immer hatte ich keinen Rhythmus gefunden und drückte einfach weiter bergan. Allein die Gewissheit, dass ich bald auf dem Gipfel ankommen würde, trieb mich an. Unzählige Haarnadelkurven machten mich schwindelig. Der Belag war Mist. Und überhaupt…
Wie ich heute weiß, waren es gute 18 Kilometer die es nach oben ging. Merke: Alpenanstiege sind einfach nur lang.

Die schwüle Hitze kündigte es wieder an. Gewitter lagen in der Luft. Ein Blick auf das Meer aus Bergen bestätigte meine Annahme: Dunkle Wolken überall. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Nach der Abfahrt kündigten Hinweisschilder bereits den nächsten Col mit dem wohlklingenden Namen: Croix de Fer. Ein Paradebeispiel für den harten Klang der deutschen Sprache: Berg des eisernen Kreuzes. Prost Mahlzeit.

Nieselregen begleitete mich in den Anstieg, der läppische 14 Kilometer maß. Auf halbem Weg hielt ich in einem verschlafenen Bergdorf und musste erstmal den Wirt suchen, der mir meinen Nachmittagskaffee zubereitete. Derweil nutzte ich die Regenpause, um draußen mein Zelt zu trocknen. Die verbleibenden sieben Kilometer auf den Gipfel, kommentierte der Wirt mit “c’est bon!”. Was auch immer das bedeuten sollte.

Die gezuckerte Koffeinbombe wirkte wahre Wunder und mit lange Zeit vermisster Leichtigkeit flog ich die acht und neun prozentigen Steigungen nach oben. C’est bon!
Regen, Abfahrt, kurzer Gegenanstieg und zack hatte ich auch den Col du Glandon besucht.

Weiter nach unten und eiskalter Regen ließ es kurz unangenehm werden. Ein Traum von Bergsee präsentierte sich in der Sonne, die sich hier und da durch die Wolken kämpfte.

Die Uhrzeit war weit fortgeschritten und es mangelte mir an drei Dingen: Trinkwasser, Essenp und Schlafplatz. Mit diesen Gedanken ging es völlig unerwartet steil nach oben. Das Unwetter verzog sich endgültig, die Sonne ballerte und endlich ging es auch für mich leichter. Eine lange Abfahrt durch Wälder und Bergdörfer. Eine Quelle und schon konnte ich ein To-Do meiner imaginären Liste streichen.

In Allemond, ebenfalls wunderschön an einem Stausee gelegen, fand ich eine Boulangerie und wählte außer einem Baguette eine große Wolke Meringue, von diesem Punkt an mein Energielieferant der Wahl. Gegenüber lag ein Campingplatz und beinahe war ich geneigt auch den letzten Punkt meiner Aufgabenliste zu streichen. Doch ich war ja erst gestern auf einem Campingplatz und hatte am Morgen nochmals geduscht. Ein zweiter Blick offenbarte außerdem, dass der Platz gnadenlos voll war und ich dort erfahrungsgemäß keine Ruhe finden würde. Weiter!

Ich fuhr tief in einen Wald hinein und begnügte mich schließlich mit einem “okay-en” Plätzchen. Nachdem ich dann fast von scheuenden Pferden zertrampelt wurde, konnte ich mich endlich entspannen. Offenbar zeltete hier sonst niemand.

In der Nacht tobten weitere Gewitter. Jeder Donnerschlag ließ mich zusammenzucken, da der Schall von den steilen Bergflanken zusätzlich verstärkt wurde. Am Morgen war der Spuk vorbei und lediglich die Tropfen, die von den Bäumen fielen, und natürlich mein glitschnasses Zelt, erinnerten an den Regen. Täglich grüßt…

Und nun? Alpe d’Huez. Naja, im nächsten Beitrag 😉